Kapitel 1 - Marode Laune

»Schaun’S halt, dass Sie keine wilden Sachen mit Ihrem Allerwertesten anstellen, gnä’ Frau.«

Maries Miene war betont ernst, doch Frau Ehrenstein konnte ein unterdrücktes Lachen in ihrer Stimme hören. Die gnä’ Frau bemühte sich, die Situation ebenfalls witzig zu finden. Eine Dreiviertelstunde verbrachten sie nun schon im Ankleidezimmer der Villa Ehrenstein. Es war unerträglich heiß. Durch die geöffnete Balkontür strömte keine frische Luft aus dem 13. Bezirk herein, nur der intensive Geruch der Fliederbüsche. Sie schwitzte, und ihr lief die Zeit davon.

»Glauben’S etwa, dass ich auf der Beerdigung einen Twist hinlegen werde?«

Sie hatte ebenfalls lustig klingen wollen, doch stattdessen hatte ihr Ton etwas Keifendes gehabt. Dieser Tag war wie verhext.

»Tut mir leid, Marie. Meine Laune ist heut so was von marod!«

Marie erhob sich aus der Hocke und lächelte Frau Ehrenstein im großen Spiegel zuversichtlich an. »Es wird scho werd’n, gnä’ Frau. Machen’S Ihnen keine Sorgen!«

Die Dame war froh, die junge Frau an ihrer Seite zu haben. Marie war nicht nur ein hervorragendes Dienstmädchen, sie war auch zu Frau Ehrensteins heimlicher Vertrauten geworden. Als sich die gnä’ Frau vor ein paar Monaten in den Kopf gesetzt hatte, einen Raubmörder dingfest zu machen, der sein Unwesen in ihrer Nachbarschaft trieb, hatte Marie sie tatkräftig unterstützt. Eine vermögende Dame aus dem Nobelviertel Hietzing konnte schlecht im Verbrechermilieu ermitteln, deshalb hatte ihr Dienstmädchen diese Aufgabe übernommen. Unter Einsatz ihres Lebens hatten die beiden den berüchtigten »Würger von Hietzing« überführen können. So eine Kleinigkeit, wie eine passende Garderobe für eine Beerdigung zu finden, sollte die Dame demnach nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Weit gefehlt!

Seit der Früh hatte sie verzweifelt ihre Schränke durchsucht. Hätte sie früher Bescheid gewusst, hätte sie sich noch ein schwarzes Ensemble kaufen können. Doch ihr war erst am Vortag mitgeteilt worden, dass sie heute auf diesem Begräbnis erscheinen sollte. Erscheinen musste. Früher wäre das kein Problem gewesen, denn selbstverständlich besaß sie eine Handvoll Röcke und Kleider, die dem Anlass angemessen waren. Doch unglücklicherweise passte sie mittlerweile in viele nicht mehr rein. Ihr war durchaus bewusst, dass sie in den vergangenen Monaten Gewicht zugelegt hatte. Bei dem seligen Gedanken an Tafelspitz, Krapfen und Schinkensemmeln bereute sie kein Gramm davon. Doch nun hatte ihre neue Kleidergröße sie in Bedrängnis gebracht, insbesondere weil sie bald abgeholt werden würde.

Schließlich hatte sie einen eleganten schwarzen Rock gefunden, den sie nur um ein Euzerl nicht schließen konnte. Marie hatte sich der desperaten Dame angenommen und sie kurz entschlossen mit ein paar Nadelstichen eingenäht. Die gnä’ Frau konnte sich jetzt zwar nicht mehr so gut bewegen, aber es hielt und sah annehmbar aus. Wenn ihr keiner so genau auf den Allerwertesten blickte …

Meinungen zu "Keine schöne Leich"

"Wie gut es Constanze Scheib gelingt, die Erinnerungen an damals aufleben zu lassen, ist bemerkenswert – denn im Jahr 1972 war sie selbst noch nicht einmal geboren."
"Sprachlich bestechen vor allem die Dialoge durch Lokalkolorit, während das Setting geprägt ist von den kulturellen Erscheinungen der Seventies. "
"... hoffentlich folgen noch viele weitere Abenteuer von Frau Ehrenstein und Marie! "

Die Geschichte hinter der Geschichte

Auch diesmal konnte ich wieder einige historische Ereignisse in meinem 70er-Jahre Wienkrimi einbauen. Nachfolgend habe ich eine kleine Auswahl von Links zu einigen davon aus “Keine schöne Leich“ bereitgestellt.

Der Fall

Wie schon bei “Der Würger von Hietzing” habe ich für “Keine schöne Leich” einen real existierenden Fall aus Wien verwendet. Um genauer zu sein, habe ich den Modus Operandi des Täters übernommen. Im Jahr 1909 wollte der Offizier Adolf Hofrichter (angeblich) einen konkurrierenden Kameraden – auf recht kreative Weise – loswerden. Wie immer an dieser Stelle: Spoilergefahr für “Keine Schöne Leich”.

Die Frauendemo

Die Frauendemo im Dezember 1972 auf der Mariahilferstraße – mit einer Frau in Gefängniskleidung auf einem Schandkarren – fand aufgrund des Paragraphen 144 (Abtreibungsverbot) statt. 

Familienrecht

Die Wahl des Wohnsitzes und des Arbeitsplatzes der Ehefrau durfte damals noch der Ehemann treffen. Die Gesetzesänderungen fanden erst Mitte der 1970er-Jahre statt.

Die Gans Lilli

Die Gans Lilli in Döbling hat es nicht nur tatsächlich gegeben, ihr wurde sogar ein Denkmal gewidmet. Ihr findet es in der Sieveringer Straße 116. Hier gibt es eine Erinnerung der Autorin Ilse Helbich an die berühmte Graugans:

„Scorpio“ und die U-Bahn

An einem Filmfan wie der gnä‘ Frau kann auch nicht vorbeigehen, dass ein waschechter Hollywoodfilm in Wien gedreht wird – noch dazu mit Burt Lancaster und Alain Delon! “Scorpio” wurde teilweise in der U-Bahn Baustelle am Karlsplatz gedreht.

Voom Voom

Das Wiener Nachtleben begann sich erst Anfang der 70er richtig zu entwickeln. Die Großnichte Martha nimmt die gnä‘ Frau deswegen in eine angesagte Disco mit, das Voom Voom. Das Wien Museum hatte in der Ausstellung “Ganz Wien Eine Pop Tour“ einige Bilder dazu – den dazugehörigen Katalog könnt ihr übrigens immer noch kaufen.

Aqua Tofana

Den Ursprung hat Aqua Tofana im 16. Jahrhundert mit Giulia Tofana, auch die blauen Fläschchen mit Etikett waren schon länger ein Markenzeichen davon.

Fußgängerzonen

Für viele ist es schwer vorstellbar, dass am Graben, in der Kärntnerstraße oder vorm Stephansplatz einmal reger Autoverkehr herrschte. Hier gibts ein paar Eindrücke dazu:

Die Musik von "Keine schöne Leich"

Lieder und Interpreten aus dem zweiten Teil der gnä‘ Frau Reihe: „Keine schöne Leich“, jetzt in einer Spotify-Playlist!